Zeit in Mangetti Dune - Persönlicher Erlebnisbericht von Beat Henzirohs
- Beat Henzirohs

- 5. März 2017
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 28. Okt.
Vom schönsten Moment im Leben zu reden, hat’s bekanntlich in sich. Denn kaum glaubt man, das ist er nun, enthüllt sich ein neues Glück. Vielleicht gibt es ihn gar nicht. Aber mein Gesamterlebnis Mangetti Dune schafft es in meine persönlichen Top Ten. Um von da wieder wegzukippen, bräuchte es eine kleine Sensation. Ende September bis vor Weihnachten 2016 lebte ich in Mangetti Dune, und ich erinnere mich nicht an einen Augenblick ohne Gefühle der Dankbarkeit und des Glücks. Heimweh und Heimat waren etwa gleich fern.
Wie kam es dazu? Einige haben Sabbaticals, andere suchen zur Lebensmitte neu die Lebensmitte – und ich wollte ran ans Abenteuer, Fremde, Besondere, zugegeben vielleicht auch ans Drama. Wenigstens für ein paar Monate. Via Louis erfuhr ich von Melitta, dass sich mein Floh im Casa Angelo gut mit sinnvollem Tun kombinieren liesse. Der Entschluss zum „congé non payé“ fiel im Frühjahr 2016, es folgten vorbereitungsreiche Monate ... bis ich spät an jenem Septemberabend in Zürich am Gate auf den letzten Flieger nach Südafrika wartete und dachte: Jetzt bist du übergeschnappt.
Vier Tage später fahre ich in Mangetti Dune ein. Nach über 200 km Fahrt auf Schotterpisten spuckt einen die Strasse aus. Angekommen in und einverleibt von dem Savannen-Dorf, das von jeder Hektik, Eile und allem Stress ungefähr so weit entfernt ist wie der Mond von der Erde. Es ist eine Zeitreise Hunderte, wenn nicht Tausende Jahre zurück. Man schlägt sich besser ganz schnell ganz Vieles aus dem Kopf, sonst ist das im Kopf nicht auszuhalten.
Das Schlimmste von allem war der Wassermangel. Da spottet die Realität jeder Beschreibung. Nie zuvor in meinem Leben war mir der Wert des Wesentlichen (Wasser) so bewusst. Nachdem ich am Morgen aufgewacht war, drehte ich am Wasserhahn. Floss es, flossen auch meine Glückshormone. Denn mal hatten wir, mal hatten wir kein Wasser. Wasser muss aus bis zu 230 m Tiefe an die Oberfläche gepumpt werden. Die Pumpen sind entweder so alt und kaputt, oder der Angeber, der für sie verantwortlich ist, versteht sie nicht, oder beides. Oft wusste niemand so recht, wo das Problem lag. Seit Tag 2 sammelte ich, sobald es floss, Wasser in Eimern und hielt so Vorrat. Das Casa Angelo hat immerhin Wasseranschluss, die normalen Behausungen der Einheimischen haben das nicht. Einmal, als wieder ganztags nichts gepumpt wurde, kamen die Kinder mittags von der Schule heim. Die Sonne sengte brütend heiss. Am Wasserhahn drehte schon keiner mehr, jeder wusste längst, dass wieder nichts gepumpt wird. Da klopften einige Kids an meine Türe und bettelten Wasser. Ich hatte zwar noch im Kühlschrank, musste aber gut damit haushalten. Zum Glück floss noch Restwasser aus dem Wasserhahn, gerade soviel, dass es für vier Gläser an die Kinder reichte. Ich füllte ein Glas nach dem andern, die Kids stritten sich darum. Allerdings muss sich das Wasser irgendwo an der Sonne aufgeheizt haben. Selber konnte ich das Glas kaum halten, den Kindern aber war das nicht wichtig. Einer nach dem andern nahm das Glas an sich und trank gierig.
Bis Mitte November war alles staubtrocken. Meist stieg die Temperatur tagsüber auf +/- 40 Grad Celsius, nachts selten viel unter 30 Grad. Wie oft lag ich bis tief in die Nacht schlaflos in meinen eigenen Säften, der Hitze ausgeliefert. Es herrschte eine biblische Dürre. Die Landstriche mit schwarzen, toten Überresten nach Buschfeuern erinnern an Weltuntergangsfilme. Und doch redeten alle immer mit einem Glänzen in den Augen von der kleinen Regenzeit, die bald einsetzen werde. Ein Märchen, dachte ich. Aber so unvorstellbar das lange Zeit war: Der Regen kam. Eines Tages tropfte es, zunächst genug, um den Sand zu benetzen, da und dort entstanden sogar kleine Wasserlöcher, später schüttete es regelmässig gewittrig vom Himmel. Allerdings weckte das Nass munter Getier zum Leben. Sobald es einnachtete oder gewitterte, ging das grosse Krabbeln los. Käfer bis zu doppelt so gross wie ein Fünfliber, Tausendfüssler in Wienerli-Grösse, einmal spürte ich etwas an meinen nackten Füssen spazierengehen: Ein Flugkäfer hatte eine grüne Spinne ermordet, trug ihr Opfer nun zur Schau und wollte mein Bein vermutlich als Flug-Startbahn benutzen. Oder unsere Katzen und Jeans (der Casa Hund, mein Bodyguard) spürten regelmässig braune und schwarze Skorpione auf, sofern die Kinder nicht schneller waren.
Zurück in der Schweiz, lautete die häufigste Frage: Was genau hast Du da eigentlich getan? Die Antwort ist: Ich hatte vor allem Zeit. Und in der Zeit teilte ich das Leben mit den Kindern im Casa Angelo. Klar gab ich den Kids im Casa und in der Schule ein wenig Nachhilfe, wir spielten endlos (Fussball, Badminton, Frisbee, Mikado, Vier gewinnt, Ball, Volleyball, ...), ich hatte die strapaziöse Rolle des Spiele- und Süssigkeitenverwalters, wir gingen in den Busch, sammelten Feuerholz, ich verarztete kleinere Wunden, verteilte Hustensirup und andere Medikamente, und achtete abends auf eine ordentliche Körperhygiene der Shorties und Teenie boys. Daneben war viel Wasser schleppen angesagt, ich trieb Sport, las und schrieb.
Aber vor allem hatte ich luxuriös Zeit. Häufig sass ich einfach auf meinem Stuhl im kleinen Rasenfleck des Casas, schaute den Kindern zu, und es dauerte nie lange, bis sich eine Traube um mich herum bildete. Da wurden Geschichten erzählt, Dramen ausgelebt, einer war besser im Rückwärtssalto als der andere, es wurde viel gesungen, in meinen Haaren gewuselt, um Sweets gebettelt, und so weiter. Und Gross und Klein war mit Haut und Haar dabei im Hier und Jetzt, keiner, der sich zum Handy absetzte. Zeit haben und das Leben teilen – das war für mich pures Glück. Drei Monate stationär zu sein, das verbindet. Da muss man, dachte ich oft, 9'000 km weit reisen, im Niemandsland leben, um als moderner Mensch, die Mobilität gewohnt, wiedermal Wurzeln zu spüren.

Ich habe oft ein Halleluja auf Mangetti gesungen. Dass die drei Monate so schön und bereichernd werden würden, hätte ich nicht zu träumen gewagt. Melitta trug einen wesentlichen Anteil daran, sie schien mir wie die perfekte Symbiose zu sein zwischen Klugheit, Gutherzigkeit und Humor. Aber mein Halleluja auf Mangetti, vor allem auf die Kinder, bleibt natürlich ein gebrochenes. In Anbetracht von Bossie, Sofia, Rauna und ihren Casa-‚Geschwistern’, die alle keine Eltern haben, und nichts ihr Eigentum nennen können, aber noch die kleinste Süssigkeit in aller Selbstverständlichkeit teilen, selbst wenn sie schon in mehreren Mündern vorgelutscht worden ist ... – oder in Anbetracht von Menschen, die geübt an versiegten Wasserhahnen wie an der Mutterbrust nuckeln, um den letzten Schluck aus der Leitung zu ziehen ... – oder in Anbetracht von HIV-infizierten Kindern und Jugendlichen, die nun keine statistische Zahl mehr sind, sondern die Freunde von mir geworden sind, mich um Duschgel oder Wasser bitten, Volleyball mit mir spielen oder menschliche Nähe suchen, und herzhaft lachen können ... – in Anbetracht davon bricht mein Halleluja.
Einer meiner persönlichen Glücksmomente-Favoriten ergab sich – wie so oft – völlig überraschend und könnte kaum unspektakulärer sein. Das kam so: Jedes Jahr vor Weihnachten dürfen die Kinder einmal mit Melitta zum Christmas shopping nach Grootfontein. Ein Highlight. Während des Jahres kommen die Kinder kaum aus Mangetti Dune heraus. Schon Wochen im Voraus ist das Christmas shopping Thema Nr. 1. Wann fahren wir? Werden wir schwimmen können? Sehen wir Giraffen unterwegs? Wer sitzt wo und neben wem in Docter’s (Melittas) VW-Bus? Alles wichtige Fragen. Der grosse Tag kam, die Rasselbande der Shorties weckte mich schon kurz nach 5h00 (mind. 1.5 h zu früh), um die neuen Kleider zu erbetteln, und gegen 7h00 fuhr The Docter vor. Nun wurde Absalom (12) ausgewählt, bei der Hinfahrt im VW-Bus vorne sitzen zu dürfen, zwischen Melitta und mir. Der Bus mit den zehn Shorties rollte los. Ich merkte bald, wie vollkommen ruhig Absalom neben mir sass und gebannt in die Weite sah. Mit seinen Händchen strich er mir immer wieder versteckt über meine Hände, die ich unter meinen verschränkten Armen verbarg. Ich war es gewohnt, dass Absalom viel mit mir redet, weil er aber im Bus komplett schwieg, fragte ich nach einer Weile, was denn los mit ihm sei. Absalom: „Beat – I am so happy!“
Noch heute denke ich ab und zu an Glücksmomente wie diese. Oft muss ich insgeheim – oder manchmal offen – lachen, wenn ich bei uns all die Leute sehe, wie sie modisch gekleidet, parfümiert und föhnfrisiert stolzieren; ernst, schnell, wichtig den Blick aufs Handy gerichtet, der Stöpsel im Ohr, allein.
Nun, die Mangetti Kinder laufen in alten Fetzen rum, Sand an Füssen und Beinen, nicht selten oben ohne, tanzen und singen oft beim Gehen, meist ohne Ziel, immer zusammen mit andern, und aufrecht. Sie haben Zeit.
Beat Henzirohs Bern, 5. März 2017




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